Falsche (Tier-)Freunde

„Tierfreunde“ sollen es diversen Medienberichten zufolge sein, die sich über die Bekämpfung „eingeschleppter Beutegreifer“ – darunter auch verwilderte und streunende Hauskatzen – in niedersächsischen Vogelschutzgebieten ereifern. Mit Uferschnepfe, Wachtelkönig, Kiebitz, Bekassine, Großem Brachvogel und Rotschenkel sind diese Leute aber anscheinend nicht so gut befreundet. Alle diese Vögel sind stark gefährdet – unter anderem, weil ihnen opportunistische Arten und (teils eingeschleppte) Kulturfolger wie Füchse, Marderhunde, Waschbären, Ratten und eben auch Hauskatzen immer intensiver nachstellen. Diverse wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass bei dem bestehenden hohen Prädationsdruck, streunende Katzen über den Bruterfolg und damit das Überleben bedrohter Vogelarten entscheiden können. Glauben unsere wie gewohnt lautstark protestierenden Katzenfreunde, sie hätten ein Recht, ihre Stubentiger auf Rote-Listen-Arten weidwerken zu lassen?

Deutschland ist verpflichtet, den Schutz der Wiesenvögel insbesondere in Schutzgebieten zu gewährleisten. Darauf hinzuweisen, sieht sich die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer durch den Medienzirkus um die geplante Reduktion von Beutegreifern im Rahmen des „LIFE Natur-Projekts Wiesenvogelschutz in Niedersachsen“ veranlasst. Tatsache ist, dass sich der Wiesenvogel-Schutz an der Küste mittlerweile fast ausschließlich auf die Inseln konzentriert, weil nur dort überhaupt die Chance besteht, den ständigen Zustrom von Beutegreifern u.a. durch intensive Bejagung, auch mit der Falle, zu kontrollieren. Auf dem Festland gilt dieser Kampf inzwischen als verloren bzw. aussichtslos. Mitschuld daran sind die vermeintlichen Tierfreunde, hinter deren angeblichem Recht, ihre Hunde und Katzen streunen, wildern und frei laufen zu lassen, sich nichts anderes verbirgt, als Ignoranz, Egoismus und Bequemlichkeit.

Jeder Jäger kann ein Lied singen von der Uneinsichtigkeit mancher Zeitgenossen, wenn sie gebeten werden, doch wenigstens während der Brut- und Setzzeit dafür zu sorgen, dass ihre Haustiere keinen Schaden in einer von allen Seiten bedrängten Natur anrichten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Erosion eines für alle verbindlichen Wertekanons auch auf diesem Gebiet zu besichtigen ist. „Wenn du früher eine Katze in der Kastenfalle hattest und wusstest, zu wem im Dorf die gehört, dann hast du die natürlich nicht getötet, sondern den Besitzern zurückgebracht“, berichtete mir mal ein alter DDR-Jäger: „Und die Leute haben sich dann dafür geschämt, dass ihre Katze kilometerweit außerhalb der Ortschaft auf Beutefang erwischt wurde. Heute pampen die dich noch an und drohen mit Anwalt und Polizei.“

Erfahrungsgemäß gibt es Katzen, die in der Nähe ihres Gehöfts bleiben, während andere tage- und nächtelang marodierend durch die Umgebung streifen. Das ist, erst recht in einem sensiblen und schützenswerten Biotop, schlicht nicht akzeptabel. Die Regelung in den Jagdgesetzen vieler Bundesländer, dass Katzen im Rahmen des Jagdschutzes erlegt werden dürfen, wenn sie weiter als einige hundert Meter (in Niedersachsen 300) abseits einer Siedlung angetroffen werden, trägt dem Rechnung. Der Sprecher des LJV Niedersachsen sah sich darum veranlasst, diese sinnvolle Regelung zu verteidigen. Ein verantwortungsvoller Katzenbesitzer wird dafür sorgen, dass es nicht zu ihrer Anwendung kommen muss.

Von einer bestimmten Sorte Tierfreunden Verständnis für den aus Arten- und Naturschutzgründen gebotenen Abschuss von Streunern zu erwarten, dürfte jedoch zu viel verlangt sein. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Selbstgerechtigkeit sich noch die verantwortungslosesten Tierhalter als Opfer gerieren, wenn eine gewissenhafte Abwägung von Tierschutzfragen (z.B. Kiebitz vs. Katze, Hund vs. Rehkitz) zu ihren Ungunsten ausgeht. Leider lässt sich nicht leugnen, dass die Medien für das Überhandnehmen dieser Mentalität mitverantwortlich sind.

Da wird noch die schmierigste Kampagnge irgendwelcher Spendensammel Tierschutzorganisationen groß aufgemacht und Öl ins Feuer einer so unangebrachten wie heuchlerischen Empörung gegossen – wie zum Beispiel in der Berichterstattung über die Beutegreiferreduktion in den niedersächsischen Vogelschutzgebieten. Da wird mit widerwärtig süßlicher Sentimentalität von der „Rettung“ und dem anschließendem „Aufpäppeln“ bemitleidenswerter „Tierbabys“ berichtet, die mit zwei gebrochenen Läufen nach einem Wildunfall im Straßengraben landeten – anstatt dergleichen als tierschutzwidrige Euthanasieverschleppung zu geißeln.

Und wenn 18 Rehe erlegt werden müssen, weil die im Rahmen eines Forschungsprojekts angelegten Halsbänder nicht wie geplant mitwuchsen, dann ist die medial geschürte Aufregung groß, und manche Blöd-Zeitungs-Leser fordern gar den Abschuss der beteiligten Forscher. Dass in Mitteleuropa alljährlich zigtausend Rehe geschossen werden (müssen!) und als leckeres und hochwertiges Wildbret auf den Tellern landen, ist eine in diesem Zusammenhang nicht weiter erwähnenswerte und die gerade so schön aufkochende Empörung nur störende Tatsache. Man fragt sich, welcher befremdliche Geisteszustand (außer abgrundtiefer Dummheit) diese verzerrte Wahrnehmung ermöglicht. Könnte es sein, dass sich in dieser Verlogenheit das schlechte Gewissen einer Nation gewohnheitsmäßiger Billigstfleischesser auf verschlungenen Wegen äußert? SE

Foto: Austernfischer (Copyright: SE)

 

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