Bewertung der Diskussion um das Nachsuchewesen aus der Sicht eines BGS-Führers

Ein Gastbeitrag von Reinhard Scherr, 1. Vorsitzender des Klubs für Bayerische Gebirgsschweißhunde 1912 e.V. (KBGS)

In den letzten Wochen und Monaten wurde sehr ausführlich über das Nachsuchewesen in der Jagdpresse berichtet. Ausgelöst wurde die Berichterstattung durch die Gründung des
„Deutschen Schweißhundeverbandes“. Alle Artikel und Lesermeinungen habe ich zusammengetragen und versucht objektiv auszuwerten, um evtl. herauszufinden, wo für die traditionellen Vereine Handlungsbedarf besteht und wo man antiquierte Vereinsvorstellungen über Bord werfen kann. Aber auch um zu erkennen, an welchen Gepflogenheiten man im Sinne einer gerechten Nachsuche und zum Wohle der Jagd und des Tierschutzes unbedingt festhalten muss.

Die Schweißhunde sind ohne Zweifel angenehme, gut zu haltende Familienhunde, die bei entsprechender Führung einen hohen Grad an Spezialisierung erlangen können. Die Nachfrage stieg durch die Veränderung der jagdlichen Bedingungen, Rückgang des Niederwildes und permanenter Anstieg der Schalenwildstrecken, sprunghaft an.

Ebenso durch den nach der Wende großen Bedarf in den wildreichen Revieren der östlichen Bundesländer. In Verbindung mit den vorher skizzierten Charaktereigenschaften der Schweißhunde entschlossen sich viele Jäger, einen Schweißhund anzuschaffen, obwohl manche auch bis zum höheren Alter noch nie einen Hund zur Nachsuche ausgebildet und geführt hatten. Weder das Zuchtpotential der traditionellen Klubs noch die vorherrschende Meinung zu den Einsatzmöglichkeiten konnten der Nachfrage entsprechend schnell und sprunghaft geändert werden. Man züchtete nicht plötzlich mit weniger geeigneten Hunden, nur weil ein Jäger aus einem 300 ha Schalenwildrevier meinte, einen Schweißhund führen zu müssen.

In einem solchen Revier fallen erfahrungsgemäß mehrere kurze Totsuchen während eines Jahres an und evtl. die eine oder andere etwas schwierigere Nachsuche ( > 300 m ). Nach den Erkenntnissen über die Ausbildung und Führung eines Schweißhundes zu wenig, um den o.a. hohen Grad an Spezialisierung dauerhaft zu gewährleisten. Diese Bewertung gründete sich auf rein sachlichen Erfahrungswerten und hat mit elitärem Verhalten nichts zu tun.

Zu Beginn der 90èr Jahre waren es wenige unzufriedene Hundeführer, die keinen BGS oder HS bekommen konnten. Die Zahl stieg im gleichen Verhältnis wie die Schalenwildstrecke an. Mittlerweile hatten sich Kanäle aus dem Osten geöffnet, deren Ergiebigkeit von einigen Hundehändlern genutzt wurden. Es gründeten sich kleine Splittergruppen und –vereine von Jägern, Hundeführern und sonstigen Schweißhundfreunden. Alle wurden mit Schweißhunden versorgt. Jagdliche Verhältnisse spielten dabei keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Den traditionellen Klubs war diese Entwicklung ein Dorn im Auge, und man reagierte mit Ablehnung und starrem Festhalten an den alten Gepflogenheiten bei der Zuchtauswahl, der Kriterienbewertung für das Einsatzgebiet und der Aufnahme der Mitglieder, auch weil man befürchtete und immer noch befürchtet, die hohen Ansprüche an wirklich qualifizierte Schweißhundearbeit einzubüßen.

Die neuen Vereine haben sich nun zu einem Verband zusammengeschlossen, um mehr Gehör und Anerkennung ihrer Hunde in der Öffentlichkeit zu bekommen. Wenn es nur um die Nachsuche und den Tierschutz ginge , wie in allen Artikeln geflissentlich erwähnt, so war dieser Schritt nicht notwendig, denn alle, die an qualifizierter Schweißarbeit interessiert sind, fanden und finden eine Heimat in den bestehenden Klubs und Vereinen. Nicht aufgenommen werden Hundeführer ohne Jagdschein und Hundeführer, bei denen von vorne herein feststeht, dass der Schweißhund als nettes Beiwerk für den Beifahrersitz des Geländewagens benötigt wird.

Schweißhundearbeit ist nicht vergleichbar mit der Arbeit von Stöberhunden oder Vorstehhunden. Um keine falsche Interpretation aufkommen zu lassen, ich möchte auf keinen Fall die Arbeit anderer Gebrauchshundeschläge abqualifizieren. In jeder Rasse gibt es viele Hunde , die ihre Arbeit auf hohem Niveau erfüllen. Aber es gibt auch in jeder Rasse Hunde,
die weniger gut ausgebildet und geführt sind. Nehmen wir z.B. einen Stöberhund, der nicht gut stöbert, oder einen Vorstehhund, der nicht gut sucht und einen Erdhund , der nicht gut sprengt weil er zu wenig Gelegenheit hat; alle negativen Arbeiten dieser Hunde haben gemeinsam, dass der Jagderfolg eingeschränkt ist. Aber die Sau, die gesucht und nicht gefunden wurde, der Fasan und der Fuchs sind gesund und erfreuen sich weiterhin eines normalen Lebens.

Der schlecht ausgebildete und wenig geführte Schweißhund, der aus welchen Gründen auch immer, seinen hohen Grad an Spezialisierung nicht erreichen konnte, ist ethisch ganz anders zu bewerten. Versagt er bei der einzigen Aufgabe, wegen der wir ihn halten ( uns allen geht es ja nur um den Tierschutz ), nämlich das kranke Wild zu finden ggf. zu hetzen und zu stellen, so bleibt in der Dickung ein Stück Wildbret liegen (für den Tierschutz belanglos weil es tot ist) oder aber ein krankes Tier mit schlimmsten Verletzungen sitzen, welches qualvolle Tage ,Wochen und Monate vor sich hat und in dieser Zeit bis zum Skelett abmagert. Solche Hunde haben das „ w „ in ihrer Rassenbezeichnung nicht verdient und man sollte es dann auch nicht nennen.

Ein Hundeführer, der diese hohen Ansprüche an die Leistung seines Schweißhundes nicht stellt, weil er nur einen guten Kameraden an der Seite haben möchte oder der von seiner körperlichen und zeitlichen Belastbarkeit eingeschränkt ist, sollte objektiv und ehrlich genug sein dies zuzugeben. Nicht jeder Hund lässt sich für diese Spezialistenarbeit ausbilden
und auch nicht jeder Führer. Wer der jagenden Öffentlichkeit suggeriert, dies wäre möglich und unbedingt notwendig , der irrt gewaltig und agiert kontraproduktiv im Sinne des Tierschutzes.
Nur eine Begründung kann ich für derlei Behauptungen finden, nämlich dass mit der gestiegenen Nachfrage ein Geschäft gemacht werden soll. Was mit solchen Rassen geschieht zeigen viele traurige Beispiele.

Es sollte uns allen um die Sache gehen. Frei von eigenen Egoismen und Vereinsressentiments sollen sich in Zukunft die Schweißhundeführer mit ihren Hunden durchsetzen, deren „ w „ für wesensfest , willensstark und wildscharf steht und die auch unter widrigen Bedingungen bereit und fähig sind das Wild zur Strecke zu bringen. Den Führern ist es dann sicherlich einerlei, ob ihre Einsatzmöglichkeiten aus den o.a. Gründen hinterfragt werden, bevor sie einen Welpen bekommen oder nicht. Wichtig ist, dass für diese Führer genug Schweißhunde zur Verfügung stehen, die nicht einfach gezüchtet wurden, nur weil ein Mengenbedarf besteht. Ob diese dann in einem Klub, Verein oder Verband organisiert sind ist fast egal ; Hauptsache ist, dass sachlich und ehrlich miteinander verfahren wird, dass keine Unwahrheiten und Gerüchte verbreitet und künstlich am Leben gehalten werden und dass diese elende Heuchelei und Geschäftemacherei unterbleibt.

Wer über diesen jagdlichen Verwendungszweck hinaus fordert es müsste parallel dazu noch eine Möglichkeit geschaffen werden, der reinen Liebhaber- und Schönheitszucht einen Raum zu geben, der verkennt , was mit solchen Rassen in der Vergangenheit schon oft passierte. Für derlei Spielereien ist die Aufgabe, für welche die Schweißhunde einst gezüchtet wurden zu wichtig und zu wertvoll. Es ist ein Jammer, dass Eitelkeit und Stolz oft den Blick für das Wesentliche trüben.

Wie sagte ein Hundeführer unlängst zu mir : „ Ich will einen Schweißhund und ich werde einen bekommen, ob er 1000 € 5000 € oder 10 000 € kostet“ ! Der Hund, den er bekommen hat, hat noch nie einen Schweißriemen gesehen .

Tierschutz ? Egoismus ? Eitelkeit ?

Reine Liebe zum Hund kann bestimmt auch durch andere Rassen befriedigt werden. Reinhard Scherr

Beitragsbild: BGS bei einer Schweißprüfung des SHVD – solide und seriöse Nachsuchenarbeit ist keine Frage der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verein. SE (Copyright: SE)

6 Gedanken zu „Bewertung der Diskussion um das Nachsuchewesen aus der Sicht eines BGS-Führers

  1. Gänsicke Thomas

    Ich finde den Bericht vom Prinzip her sehr sachlich und vernünftig und würde mich freuen wenn es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit aller wirklichen Schweisshundefürer egal von welchem Verein oder wie auch immer auf offizieller Ebene kommen würde so wie wir es bei den großen Jagden längst praktizieren!
    Waidmannsheil
    Thomas Gänsicke

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  2. Jörgen Bruder

    Sehr geehrter Herr Scherr,
    Ihre Äußerungen hier kann ich leider nicht ganz teilen!!!
    Oder Sie wissen anscheinend nicht was/wie es in den Landesgruppen bzgl der Aufnahme abgeht.
    Mein Antrag wurde mündlich von Herrn Heyer abgelehnt weil ich erfolgreich eine Bracke führte und wenn ich auf genommen werden möchte sollte ich doch erstmal lernen Fährten zu treten. Ich kann ihn nur sagen das ich über 100 Suchen im Jahr absolviere.
    Über ein Gespräch würde ich mich freuen.
    LG
    Jörgen Bruder

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  3. Konrad Kreitmair

    sehr geehrter Herr Bruder,Über die Aufnahme eines Mitgliedes entscheidet der Vorstand 3 x im Jahr.
    Eine Bewerbung läuft über den Gruppenobmann, nicht über einzelne Mitglieder.
    Besuchen Sie als Gast eine Veranstaltung des KBGS. Für Sie aus Sachsen Anhalt, entweder Brandenburg/Mecklenburg oder Sachsen/Thüringen. Melden Sie sich bei dem zuständigen Gruppenobmann an und machen sich einfach schlau. Termine finden Sie auf der Homepage http://www.kbgs.de

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  4. Mara Maus

    Sollten wir den letzten, kleinsten und nicht schwarzköpfig gezeichneten BGS Rüden, mit Nabelbruch noch dazu, auf dem Bauernhof eines sogenannten „Hobbyzüchters“ im hintersten Thüringen etwa umbringen lassen ? Wir haben ihn dort für viel zu viel Geld gekauft, weil er uns leid tat mit seinem Wurmbauch und hingeschmissenem Katzentrockenfutter, in diesem lichtarmen engen Hof zwischen verkoteten Splithaufen und räudigen Katzen. 12 Wochen war er alt und seine Geschwister waren längt verkauft- alle ohne Papiere und nicht geimpft. Jetzt lebt er bei uns in der Stadtwohnung, wird gebarft, gehegt und gepflegt, hat täglich zwei bis dreimal auf riesigen Grünflächen Auslauf, viel Kontakt zu anderen Hunden, darf ausgelegte Spuren suchen und ist gehorsam. Er ist 8 Monate alt mittlerweile, wiegt ca 17 kg und hat ein braunes glänzendes Fell. Demnächst darf er mit Försters BGS Hündin an der Schleppleine im nahen Waldgebiet mal die Nachsuche praktizieren und etwas dazulernen. Vielleicht wird der einst zu kleine und mißachtete BGS einmal die ältere Hündin ablösen….wir wissen es noch nicht, aber sein Arbeitswille und seine Intelligenz sind beachtlich.
    Vieles wussten wir nicht, wir hatten nie zuvor einen Hund, aber wir werden ihm bieten, was ihn auslastet und zufrieden stellt. Ob er zur „Jagdelite “ gehören wird oder nicht, ist dem freundlichen Familienhund doch völlig egal.
    Mit nachdenklichen Grüßen
    eine Kleinstfamilie aus Dresden

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    1. admin Beitragsautor

      Das ist immer eine zwiespältige Geschichte: Einerseits schön für das individuelle Tier, andererseits hält man das Geschäft gewisser skrupelloser „Hobbyzüchter“ am Laufen, indem man aus Sentimentalität und Mitleid „viel zu viel Geld“ für irgendwelche armen Viecher zahlt. Besser wäre es, die Behörden würden solchen Leuten ein für allemal das Handwerk legen, die Viecher einziehen und (ohne Profit für den Vermehrer!) in gute Hände vermitteln. Aber trotzdem alles Gute weiterhin für das glückliche kleine Schwarzzuchtprodukt und seine Betreuer. SE

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