Berlin: Sauenplage hausgemacht

Die ausufernde Schwarzwildpopulation verursacht im Berliner Stadtgebiet massive Schäden, die Gefahr eines Ausbruchs von Schweinepest steigt, Konfrontationen zwischen Sau und Mensch nehmen zu. Jetzt musste ein Mensch sterben, von einem Wildschwein auf seinem eigenen Grundstück angegriffen. Ein Gutachten aus dem Jahr 2010 belegt: Hauptverantwortlich für die Berliner Sauenplage sind die Berliner Forsten.

Berlin ist „bezüglich seiner Wildschweindichte im urbanen Raum ohne Beispiel“, heißt es im Gutachten, das Bruno Hespeler im Auftrag des Landes Berlin erstellt hat. An Schuldzuweisungen für diese Situation herrscht kein Mangel: Mal hieß es, die übereifrigen Jäger im Umland würden die armen Borstentiere so scharf bejagen, dass sie Zuflucht in der Hauptstadt suchten. Dann wieder schossen sich die Medien auf jene – in Wahrheit wohl nicht allzu breiten – Bevölkerungsschichten ein, die aus falsch verstandener Tierliebe Wildschweine füttern. Zur Abwechslung sollten dann die Eigenheimbesitzer Schuld sein, die ihre Anwesen nicht wildschweinsicher einfrieden.

Doch Bruno Hespelers Gutachten benennt die wahren Verantwortlichen: Es sind die Berliner Forsten – oder genauer gesagt einige Berliner Forstämter – die viel zu wenig Sauen schießen, eine groteske und unverantwortliche Überhege betreiben und obendrein die Reduktion durch Begehungsscheininhaber und Stadtjäger nach Kräften hintertreiben.

Risikoreiche Stadtjagd

Es dürfte kaum eine „Gesellschaftsgruppe geben, bei der der Einzelne für das öffentliche Wohl vergleichbare finanzielle Leistungen erbringt“, stellt Hespeler in Hinblick auf die Berliner Stadtjäger fest. Die Stadtjäger – insbesondere der kleine Kreis „professionell“ arbeitender – haben im Jagdjahr 2008/09 knapp 1000 Wildschweine in Berlin erlegt. „Sie taten dies ohne Unfall- oder Rechtsschutzversicherung auf volles eigenes Risiko und ohne Entschädigung für die aufgewendete Zeit und Sachkosten.“ Würden Berufsjäger den Job übernehmen, so müsste Berlin nach Hespelers Schätzungen zwischen 700 000 und einer Million Euro allein für die Lohnkosten aufwenden.

Zwar dürfen die Stadtjäger das Wildbret verwerten, doch, so bemerkt Hespeler, wäre es wohl „ungleich lukrativer, das Schwarzwild in Brandenburg oder Sachsen für einen Euro pro Kilo einzukaufen, als es mühsam, risikoreich und kostenintensiv in Berlin zu erlegen.“ Dennoch lässt sich kaum leugnen, dass eher Anreize zu einer nachhaltigen Bejagung als zu einer endgültigen Vergrämung der Stadtsauen geschaffen werden, wenn das Wildbret die alleinige Kompensation für die hohen Kosten der Stadtjäger darstellt. Weitaus nachteiliger als mangelnde Rechtssicherheit und fehlende Aufwandsentschädigung wirkt sich jedoch aus, dass die seit Juni 2007 vom Landesforstamt organisierte Stadtjagd von diesem eher gebremst als gefördert wird.

Gezielte Demotivation

So beklagen die Stadtjäger Hespeler zufolge, dass ihnen jagdlich reizvolle Einsatzgebiete wie die Havelinseln entzogen und von Bediensteten der Forsten bejagt würden und besonders erfolgreiche Stadtjäger durch bisher eher erfolglose ausgetauscht würden. Auf Grundeigentümer, die Einverständnisse zur Bejagung ihrer Grundstücke an Stadtjäger ausgegeben hatten, soll massiver Druck bis hin zu Drohungen ausgeübt, Stadtjägern mit dem Verlust ihrer Gestattung gedroht worden sein, wenn sie sich beim Abschuss nicht zurückhielten. Sie professionell arbeitenden Stadtjäger würden mit abwertenden Bezeichnungen wie „Leistungsträger“ bedacht, ihnen werde unterstellt, sie hätten Verträge mit Wildbrethändlern abgeschlossen und würden aus Profitgier nur starke Stücke schießen.

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Bruno Hespeler
Foto: SE

So skandalös wie beispielhaft ist das von den Forsten inszenierte Ränkespiel um die Bejagung des Berliner Johannesstifts. Auf dem weitläufigen und waldreichen Gelände des evangelischen Stifts sind verschiedene diakonische Einrichtungen wie zum Beispiel Wohnheime für Senioren und körperlich oder geistig Behinderte untergebracht. Es liegt inmitten des Spandauer Forstes, der Bestandteil der Berliner Forsten ist und von diesen bejagt wird. Die Sauen verursachen massive Schäden auf den Flächen des Stifts, die Bejagung erfordert ein hohes Maß an Umsicht, Können und Fingerspitzengefühl. Es erstaunt daher nicht, dass die Verantwortlichen des Stifts sich freuten, einen kompetenten Stadtjäger gefunden zu haben, der die marodierenden Wildschweine effizient bejagte: „Seit langem mal wieder ein fähiger Stadtjäger, der immer erreichbar ist“, heißt es in einer von Hespeler zitierten Beurteilung vonseiten des Johannesstifts.

Doch bei den Forsten stieß so viel Engagement auf wenig Gegenliebe: Sie wollten dem Stadtjäger das Gebiet des Stifts entziehen und einer Stadtjägerin zuschanzen, die bislang nicht durch jagdliche Erfolge unangenehm aufgefallen war. Außerdem wurde ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass seine Gestattung im nächsten Jahr nicht erneuert würde, wenn er sich künftig beim Abschuss nicht zurückhielte. Erst der vom Stift eingeschaltete Rechtsanwalt veranlasste die Berliner Forsten, dieses Vorhaben fallen zu lassen.

„Die Rotte vom Chef“

Sowohl Privatjäger als auch Stadtjäger berichten, dass sie von Forstbediensteten aufgefordert worden seien, bestimmte Rotten zu schonen: Dies sei „die Rotte vom Chef.“ Sollten sich die geschilderten Vorkommnisse bei der zu fordernden Untersuchung bewahrheiten, dürften personelle Konsequenzen unausweichlich sein.

Nach dem Gesagten wundert es nicht, wenn Hespeler eine „gewisse jagdliche Konkurrenz zwischen Stadtjagd und Forstverwaltung“ konstatiert. Es passt ins Bild, dass Bitten der Stadtjäger um Unterstützung und Koordination bei der Bejagung von Randlagen, wo Stadtjagd und Forst aneinander grenzen, durch die Forsten unbeantwortet blieben. Um zu gewährleisten, dass „Stadtjäger nicht aus jagdegoistischen Gründen ausgebremst werden“, regt Hespeler an, sie wieder der Berliner Jagdbehörde zu unterstellen. Jagdkonkurrenz kann es dann nicht geben – schon weil kein einziger Mitarbeiter der Jagdbehörde Jagdscheininhaber ist.

Ob die Stadtjäger dort viel besser aufgehoben sind, darf man bezweifeln. So gab das Landesforstamt Hespeler gegenüber zu bedenken, dass „die Jagdbehörde vor allem Tierschutzinteressen“ vertrete. Tatsächlich hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Jagdwesen und Landschaftsplanung bei der Veterinärbehörde angefragt, ob „das nach Jagdrecht mögliche Erlegen von Frischlingen,Frischlingen, die nicht verwertbar sind und gleich in die TBA-Tonne kommen“, keine Straftat nach dem Tierschutzgesetz darstelle. Angesichts derart geballter „Sachkompetenz“ sieht sich Hespeler veranlasst zu erklären, warum der Abschuss von Frischlingen angesichts von Vermehrungsraten von 300 Prozent, zu denen gerade beschlagene Frischlingsbachen entscheidend beitragen, unumgänglich ist, wenn der Bestand reduziert werden soll. Er stellt fest, dass „genau das die bisherige Praxis in den Forsten wie im urbanen Bereich verhindert“ habe.

Willkürliche Einschränkungen

Mit ähnlichen Einschränkungen wie die Stadtjäger müssen sich auch die privaten Pirschbezirksinhaber in den Berliner Forsten herumschlagen. So kritisiert Hespeler, dass diese kein Wild vom Boden aus schießen dürfen. Die Forstbediensteten dürften Ersteres, obwohl ihre Schießausbildung nicht besser sei als die der Begehungsscheininhaber. Die Jagd an zwei oder drei Hochsitzen pro Pirschbezirk sei trotz Kirrung ineffektiv, weil sich das lernfähige Schwarzwild schnell darauf einstelle. Auch bei den Berliner Privatjägern scheint es überdies Restriktionen gegeben zu haben, wenn sie allzu viel Weidmannsheil hatten. Hespeler kommt zu der Einschätzung, dass „das Schwarzwildproblem im urbanen Raum Berlins in den Berliner Forsten entsteht.“ Die Schwarzwildabschüsse in den Berliner Forsten sind fünf Mal so hoch wie im Brandenburger Umland (im Jagdjahr 2008/09 15,1 bzw. 3,3 Stück pro 100 ha). Dies ist nur durch die extrem hohe Schwarzwilddichte zu erklären.

Erstaunlicherweise gibt es offenbar dennoch Berliner Förster, die keine einzige Sau im Jahr schießen – andere können dreistellige Streckenergebnisse vorweisen. „Da sind unter Rot-Grün Leute eingestellt worden, die zwar die gewünschte Öko-Gesinnung mitbringen und prima Fledermausführungen veranstalten, aber null jagdliches Interesse haben“, sagt ein Insider, der nicht genannt werden will. Als im Jagdjahr 2006/07 „in einigen Forstämtern weniger als die Hälfte des vorgeschriebenen Solls erlegt wurde, wurden für das folgende Jahr die Abschussvorgaben herabgesetzt.“ Im Forstamt Tegel beispielsweise auf gerade einmal 23,8 Prozent (!) des Vorjahressolls. Im nächsten Jahr wurde die gesenkte Abschussvorgabe wieder nur zu 87 Prozent erfüllt. In den vom Forst begehrten Revieren scheint eine groteske Überhege betrieben zu werden. Dieser dienen strenge Abschussvorgaben hinsichtlich Alter, Gewicht und Geschlecht des bei den bevorzugt durchgeführten kleinflächigen Bewegungsjagden gestreckten Schwarzwildes.

Keilerhege im Stadtwald

Es sei „nicht zu vertreten“, moniert Hespeler, „durch Abschussbeschränkungen „starke Keiler“ heranhegen zu wollen, wenn dabei die Bestände außer Kontrolle geraten.“ Dass die gezielte Reduktion der Zuwachsträger auf diese Weise verhindert wird, zeigt auch folgendes Beispiel: Unter den 2008/09 im Forstamt Tegel gestreckten 361 Sauen waren gerade einmal 16 Bachen, was einem Streckenanteil von nur 4,4 Prozent entspricht. Angesichts solcher Unfähigkeit oder Unwilligkeit, den Schwarzwildbestand in den Berliner Forsten zu reduzieren, stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, die von Hespeler auftragsgemäß diskutierten Änderungen der Jagdmethoden wie Einschränkung oder Verbot von Kirrungen, Einsatz von Nachtzielgeräten, Saufängen oder gar Bogenjagd ernsthaft zu erwägen. Wenn sich an der Haltung einiger Forstbeamter („Die wollen mehr Sauen, nicht weniger.“) nichts ändert, wird das Berliner Schwarzwildproblem nicht in den Griff zu kriegen sein.

Hespeler_Studie

Titelblatt der Hespeler-Studie.

Nicht weniger skandalös als der Umgang der Berliner Forsten mit dem Schwarzwild ist im Übrigen der Umgang der Berliner Jagdbehörde mit dem bestellten, aber ungeliebten Gutachten: Diese hat Hespelers Studie in der Schublade verschwinden lassen. Bei einer Sitzung des Jagdbeirates sollen die Vertreter der Jägerschaft mit dem Austritt aus dem Gremium gedroht haben, weil die Jagdbehörde sich weigerte, den Jägern das – aus Mitteln der Jagdabgabe, also von den Berliner Jägern, finanzierte – Gutachten auszuhändigen. Obwohl Hespeler bereits eine anonymisierte Version erstellt hat, arbeitet die Behörde an einer – angeblich aus Datenschutzgründen – zensierten Fassung. Diese soll dann in ein 13-Punkte-Strategiepapier zum Thema Schwarzwild einfließen Stephan Elison

Das Gutachten: Die unveröffentlichte Studie aus 2010 mit dem Titel „Schwarzwildstrategie im urbanen Raum Berlins“ liegt der Redaktion von jawina.de vor.

Video: Handyvideo einer Wildschweinrotte im Berliner Grunewald. Copyright: privat

5 Gedanken zu „Berlin: Sauenplage hausgemacht

  1. Ronald Braun

    Sehr geehrter Herr Elison,
    ich würde gerne einen Link zu dieser Seite setzen.
    Es würde mich freuen, wenn Sie dem zustimmen würden.
    Auf Ihre positive Antwort hoffend verbleibe ich
    mit freundlicher Hochachtung und Waidmannsheil
    Ronald Braun

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Braun,

      vielen Dank für Ihre freundliche Mail, gegen eine Verlinkung der Seite durch Sie habe ich keine Einwände, gerne verlinke ich im Gegenzug auf die Seite der Jagdaufseher in Brandenburg.

      Beste Grüße und WMH

      Stephan Elison

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  2. Max Musterstadtjäger

    Hallo Stephan Elison,
    vielen Dank für die Veröffentlichung über die Missstände in der Schwarzwildbejagung, insbesondere in den Forstamtsbereichen Grunewald und Tegel! Leider hat sich bis dato trotz des Gutachtens von Bruno Hespeler nichts geändert, im Gegenteil, wir Stadtjäger werden in den genannten Forstamtsbereichen noch umfangreicher in unserer ehrenamtlichen Tätigkeit behindert.
    Ich bitte um Verständnis, dass ich meinen realen Namen hier nicht nennen möchte, um weitere Schikanen von Seiten der Forstämter aus dem Weg zu gehen.

    Mit bestem Gruß.

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  3. Manfred Nolting

    Guten Tag, Herr Elison.

    Leider lese ich den Bericht erst heute. Besteht die Möglichkeit, an die Studie von Hespeler zu kommen? Vielleicht sogar in digitaler Form? Das würde mir hier sehr helfen. Zweite Frage: Ich würde das gern auf meiner Seite verlinken. Ginge das ok? Und jetzt die dritte Frage: Wenn die Studie aus 2010 ist, warum hat das in Berlin noch keinen Aufstand verursacht??

    FG + WMH,

    Manfred Nolting
    Ein Jagdmensch

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    1. admin Beitragsautor

      Hallo Herr Nolting,

      vielen Dank für Ihre Anfrage. Ob eine Möglichkeit besteht, an die Studie zu kommen, kann nur Herr Hespeler entscheiden. Der ist bei Google leicht zu finden. Verlinken ist ok – tja, und wie es die Senatsverwaltung geschafft hat, die Studie in der Schublade verschwinden zu lassen, ohne irgendwelche Konsequenzen zu ziehen, und ohne, dass z.B. die Hauptstadtpresse davon Wind gekriegt hat – das frage ich mich auch.
      Beste Grüße und Weidmannsheil
      SE

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