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Baujagd – Artenschutz unter Tage

Ganz hoch im Norden Deutschlands haben sich passionierte Baujäger ganz und gar der Baujagd verschrieben. Wir waren mit ihnen auf Jagd und haben uns über Anliegen und Ziele des Vereins informiert. Aus aktuellem Anlass bringen wir diesen Artikel aus dem JAWINA-Archiv über die unter heftigem Beschuss von Jagdgegnern stehende Bodenjagd.

Alles ist weiß und ein regelmäßiger Piepton das einzige Geräusch. Aber wir sind nicht bei einer spannenden Folge von Emergency Room gelandet, sondern auf einer Baujagd im tief verschneiten Ostfriesland. Claas Janssen hält den Empfänger des Hundeortungsgeräts dicht über den Erdboden: Unbeeindruckt piept das Gerät vor sich hin. Janssen stapft ein paar Schritte weiter, wiederholt die Prozedur. Wieder nichts, es piept, aber nicht richtig. Also weiter. Auf einmal schlägt die regelmäßige Tonfolge in einen aufgeregten Doppelpieps um: „Dor unnen muut ween.“, verkündet Janssen im heimatlichen Plattdeutsch: Da unten muss er sein.

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Nützliches Zubehör: Der Sender an der Halsung verrät die Position des Bauhundes, wenn gegraben werden muss. Fotos: SE

Flamme braucht Hilfe

Irgendwo da unten in dem Gewirr von Röhren und Kesseln steckt Janssens Zwergteckel „Flamme vom Edenhof“. Der Sender an der Halsung verrät ihre Position. Vor gut einer Stunde ist sie in eine der Röhren eingeschlieft und ward seitdem nicht mehr gesehen. Zunächst heißt es dann abwarten: Still, voller Anspannung und doch möglichst reglos halten wir – die erfahrenen Baujäger Hinni Neelen und Klaas Fisser sind mit dabei – die schussbereiten Flinten mit zunehmend klammen Händen und harren, ob der Fuchs noch springt. Doch weder Erdhund noch Raubwild lassen sich in einer angemessenen Zeitspanne blicken. Das kann nur eins bedeuten: Der Dackel liegt vor, verbellt seinen Opponenten, hat sich möglicherweise auf einen Kampf eingelassen. „Flamme“ braucht unsere Hilfe. Also müssen Spaten und Schaufel ran, die Flinten haben Pause. Beim Graben erschließen sich erst so richtig die Dimensionen des mächtigen alten Baus. Obwohl das Land so platt ist wie das Deutsch seiner Bewohner, zieht sich hier ein stattlicher Wall durch die Gegend: Es ist Aushub, der beim Bau des Jade-Ems-Kanals in den 1880er Jahren aufgehäuft wurde, erklärt Revierinhaber Johann Meinen. Viel von der torfigen fetten Erde haben die Bauern im Lauf der Zeit abgefahren und auf ihren Feldern verteilt. Im stattlichen Rest haben sich Fuchs und Dachs – letzterer hat in Niedersachsen Jagdzeit bis 31. Januar – behaglich eingerichtet.

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Beim Graben erschließen sich erst die Dimensionen des uralten Baus: Irgendwo hier muss er sein – in der Nähe des Hundes ist Fingerspitzengefühl beim Graben gefragt. Foto: SE

„Claas“, ruft der Berichterstatter in die inzwischen schon recht tiefe Grube hinab, „Die meisten Bauhundführer, die ich so kenne, würden sich weigern, ihre Hunde in so einen riesigen Bau zu lassen, weil sie fürchten würden, dass da Dachse drin sein könnten. Wieso tust du es trotzdem? Dumpf tönt Janssens Stimme aus dem Dunkel empor: „Ich mache es nicht trotzdem, sondern weil ich weiß, dass da einer ist.“ Schemenhaft ist zu erkennen, wie sich Claas den Schweiß von Stirn wischt. „Aber lass uns darüber nachher beim Kaffee reden“, schlägt er vor und gräbt energisch weiter.

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Das Auto des Baujägers: Fingerdick liegt der Sand auf Ablagen und Armlehnen… Foto: SE

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… und auch die Sitzbezüge sind von der Baujagd gezeichnet. Foto: SE

Für die Baujagd leben

Die verbissene Bautätigkeit dauert an, unterbrochen nur von angestrengtem Lauschen, gelegentlichem Wechsel des Spaten-Bedienpersonals und Hantieren mit dem Ortungsgerät. „Still, hört mal“, schallt es irgendwann aus dem mittlerweile entfernt an Schacht Konrad erinnernden Krater hervor. Und tatsächlich: Gedämpft klingt Hundelaut durch Sand und Torf und Wurzelwerk. Mit Fingerspitzengefühl wird weitergebuddelt, dann sind die Kontrahenten freigelegt: Ein noch junger Dachs hat sich dem Hund in einer Endröhre gestellt. Beide sind unverletzt, Dackel bedrängt Dachs aus sicherem Abstand vor allem akustisch. Ein Schuss aus dem kleinkalibrigen Revolver beendet die Belagerung, und „Flamme“ erhält Gelegenheit, den dahingeschiedenen Gegner ausgiebig zu beuteln.

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Der Kontrahent wird geborgen… Foto: SE

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Zwergteckel Flamme erhält Gelegenheit, ihren Dachs ausgiebig zu beuteln. Foto: SE

Wir kontrollieren an diesem Vormittag noch etliche Kunst- und Naturbaue. Die meisten sind nicht befahren, nur ein weiterer Fuchs kommt mithilfe der hervorragend arbeitenden Hunde zur Strecke. Die geringe Raubwilddichte und die dank einer Vielzahl von Kunstbauen optimalen Bejagungsmöglichkeiten legen Zeugnis ab von Janssens Wirken. Der passionierte Raubwildvertilger hat sein gesamtes Dasein auf die Baujagd  ausgerichtet: Er züchtet Zwergteckel, wohnt im Revier, nimmt seinen kompletten Jahresurlaub in der Baujagdsaison. Von Oktober bis Ende Februar bejagt er zusammen mit den jeweiligen Pächtern 20 bis 30 Reviere in einem Umkreis von 50, 60 Kilometern. In jedem dieser Reviere erleichtern Kunstbaue die Jagd: „Beim Eingraben der Baue helfen die ganze Familie und das ganze Revier mit“, berichtet Janssen.

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Claas Janssen wartet – Geduld ist auch bei der Baujagd gefragt. Foto: SE

Baujagd hilft Bodenbrütern

Seine Tätigkeit kommt der Natur zugute – und beileibe nicht nur jagdbaren Arten: „Wir haben im Vergleich zu Gebieten, in denen das Raubwild weniger oder gar nicht bejagt wird, sehr ansehnliche Besätze von Bodenbrütern und Küstenvögeln, etwa Kiebitzen oder Austernfischern“, so Janssen. „Vom Großen Brachvogel gibt es in unmittelbarer Umgebung acht oder neun Brutpaare – das ist wirklich nicht alltäglich und in erster Linie der intensiven Fuchsbejagung zu verdanken.“ Viele Naturschützer und Vogelkundler wissen um die Notwendigkeit von Prädatorenkontrolle im Küstenvogelschutz. „Manche wollen diese Notwendigkeit aber nicht zugeben, weil sie damit die eigene Klientel vergrätzen“, meint Janssen.

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An Claas Janssen scheint ein guter Bauhund verloren gegangen zu sein: Hier bei der Kontrolle eines Fuchsbaus. Foto: SE

Argumente sammeln

Unter anderem deswegen hat er den Internationalen Baujagdverein gegründet (www.internationaler-baujagdverein.de). „Das ist ja eigentlich ein blöder Name“, sagt er mit einem Schmunzeln, aber da bei uns nun mal auch Belgier, Holländer, Österreicher und Engländer mitmachen, wollten wir uns nicht „Deutscher Baujagdverein“ nennen.“ Eine
Aufgabe des Vereins ist es, Argumentationshilfe gegen die Anfeindungen zu liefern, denen sich die Baujäger ausgesetzt sehen. „Es wird zum Beispiel immer wieder behauptet, je weniger Füchse da seien, desto größer seien die Gehecke“, so Janssen. „Dabei stimmt das gar nicht: In Niedersachsen ist an fast tausend Altfähen eine Untersuchung durchgeführt worden, bei der Plazentanarben in den Gebärmüttern gezählt wurden: Dabei kam heraus, dass es keine Unterschiede in der Reproduktionsleistung in verschiedenen Biotopen mit unterschiedlichen Besatzzahlen der Füchse gab. Eine höhere Zahl an Welpen je Geheck bei niedriger Fuchsdichte war nicht erkennbar.“ Neben der Öffentlichkeitsarbeit zählt auch die Förderung von Kunstbauen, die Vorstellung von Bauhundsendern und die Organisation revierübergreifender Baujagden zu den Anliegen des Vereins, berichtet Janssen bei einer Tasse Kaffee.

Vorne, wo die Zähne sind

Da wir mittlerweile beim Kaffeetrinken sind: Wie war das jetzt mit den Dachsen? „Schau mal“, sagt Janssen, und hebt seine betagte „Diana vom Bosenberg“ (12) hoch: „Die hat etliche Füchse und Dachse gearbeitet, und meine Rüden „Nimrods Mink“ und „Nimrods Felix“ kommen zusammen auf gut 200 Arbeiten. Und sind da viele Narben, Spuren größerer Verletzungen? Fehlanzeige!“ Es komme halt drauf an, wie man es macht: „Einen jungen Hund, der gerade zwei, drei Füchse gesprengt hat und sich unheimlich stark vorkommt, an den Dachs zu lassen – das wird gefährlich.“ Der Erdhund müsse schon gelernt haben: „Bleib hinten, wo die Lunte ist, vorne, wo die Zähne sind, halt dich fern.“ Auch die Eigenart der Hunde ist wichtig: „Zu scharfe Hunde schmeißen vielleicht den Fuchs ein bisschen eher aus dem Bau, gehen am Dachs aber kaputt. Deshalb arbeite ich die Dachse auch erst später im Jahr, wenn die Hunde schon etwas ruhiger geworden sind.“ Er habe jedenfalls noch nie einen Hund am Dachs verloren, sagt Janssen: „Und das Gefährlichste für den Bauhund sind sowieso weder Fuchs noch Dachs, sondern der Mensch.“ SE

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Claas Janssen, Gründer des Internationalen Baujagdvereins. Foto: SE

Internationaler Baujagdverein – der Baujagd verpflichtet

Der Mitte 2009 gegründete Internationale Baujagdverein hat sich der Pflege und Erhaltung
der Baujagd verschrieben. Jeder Baujäger kann Mitglied werden, ein Mitgliedsbeitrag
wird nicht erhoben. Der Verein hat bislang etwa 35 Mitglieder. „Wir würden es aber begrüßen, wenn unsere Mitglieder mindestens zehn Arbeiten im Jahr durchführen und nicht nur ab und zu an einer Baujagd teilnehmen.“ Der Verein hat sich viele Ziele gesetzt: Das Hundewesen fördern, Kunstbauten propagieren, revierübergreifende Baujagden organisieren, Erfahrungen über technische Hilfsmittel wie Bauhundsender austauschen. Ein besonderes Anliegen ist aber die engagierte Öffentlichkeitsarbeit, der auch die internationale Vernetzung dient. „Wir stellen zum Beispiel Leute, die Vorträge bei den Hegegemeinschaften halten“, so Janssen. Wissenschaftliche Argumente, die die Notwendigkeit der Baujagd belegen, werden gesammelt und – soweit möglich – auf der Internetseite veröffentlicht. SE

Beitragsbild: Zwergteckelhündin Flamme. Foto: SE

Ein Gedanke zu „Baujagd – Artenschutz unter Tage

  1. Joachim Orbach

    Wer sich einmal sachlich über die Bau – oder Bodenjagd informieren möchte kann das auf nimrods.de tun. Auch ich habe eine Reihe Artikel über dieses Thema geschrieben, die Sie über deutsches-jagd-lexikon.de Suchbegriff Joachim Orbach anklicken können. Meiner Meinung nach kommt aber zu diesem Thema wenig von den Zuchtvereinen für Erdhunde, denn in der heutigen Zeit informieren sich viele Menschen über das Internet und da dürfen wir die Deutungshoheit über die Jagd -einschl. der Jagdarten- nicht anderen überlassen.

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