Auf Safari – zwischen unendlicher Wildnis und bedrohter Natur

Natürlich könnte man fragen, warum uns heute noch irgendwelche Leute interessieren sollten, die vor Jahrzehnten irgendwelche Tiere in Afrika totgeschossen haben. Der von Rolf Baldus (der Jawina-Lesern nicht unbekannt ist) und Werner Schmitz herausgegebene Band „Auf Safari“ beantwortet diese Frage auf sehr überzeugende Weise. Die in dem Buch versammelten Biografien „legendärer Afrikajäger“ sind nicht nur etwas für passionierte Afrikajäger, eignen sich nicht nur als Geschenkband für jemand, der gerade seine erste Safari gebucht hat. Das liegt zum einen daran, dass die Lebensbeschreibungen in dem Band durchweg weitaus besser geschrieben sind, als man es von der üblichen Jagdliteratur gewohnt ist. Zum anderen sind die Biografien bei allem Verständnis für die Denke der Zeitgenossen nicht geschönt, so dass zum Beispiel ein Carl Rehfus alias Oberländer (genau, der mit dem Apportierbock) als das erscheint, was er war: Ein übler Aasjäger und widerwärtiger Rassist. Einen weiteren guten Grund liefert das Sujet selbst – über die in dem Band proträtierten Abenteurer sagt Werner Schmitz in dem als Vorwort dienenden Vorgespräch: „Die trieben sich in den entlegensten Ecken herum, soffen Whisky, schwängerten Häuptlingstöchter und finanzierten ihren exzentrischen Lebensstil mit Elfenbein. Wilde Typen, wie sie heute nicht mehr hergestellt werden.“ Da liest sich eine nüchterne Lebensbeschreibung wie ein Abenteuerroman.

Das interessanteste an dem Buch ist vielleicht, dass diese „wilden Typen“ an einer historischen Nahtstelle wirkten, als es manchem von ihnen noch möglich war, guten Gewissens aus dem vollen zu schöpfen, sich als heldenhafte Bezwinger und Entdecker einer ungezähmten Natur und Nutznießer ihres unerschöpflichen Reichtums zu fühlen, während andere schon die Bedrohung erahnten und sich für den Schutz von Wildnis und Wildtieren einsetzten. Die Abenteurer verkauften mitunter Haus und Hof, um Expeditionen auf dem „dunklen Kontinent“, in gänzlich unerforschte, „wilde“ Gebiete zu finanzieren. Und bei der Lektüre erscheint uns das nachvollziehbar, ja zwingend: „Der Wildreichtum Afrikas im 18. Jahrhundert muss unfassbar gewesen sein“, sagt Rolf Baldus im Vorgespräch: „Regeln gab es keine, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht. Man schöpfte aus dem vollen und dachte sich nichts dabei. Massenstrecken waren an der Tagesordnung. Mancher Jäger betrieb Raubbau an der Natur, auch für damalige Verhältnisse. Aber das tat man daheim in Europa ja auch.“

Die Lektüre der Afrika-Biografien löst denn auch widerstreitende Gefühle aus. Keiner kann heute mehr ohne Beklemmungen Berichte vom fröhlichen, skrupellosen Dahinmorden ganzer Elefantenherden lesen, während andererseits das paradiesisch freie, regellose Leben in vielen eine tiefe Sehnsucht wecken wird, es den legendären Nimrods gleichzutun. Schade nur, dass sie so wenig Wildnis für uns Nachgeborene übrig gelassen haben…

Wir leben mittlerweile ja allesamt in der Gewissheit, das wir – Bleichgesichter, Langnasen – das Problem dieses Planeten sind: „Ein Kontinent altert schnell, sobald wir kommen. Die Eingeborenen leben mit ihm in Harmonie. Aber der Fremde zerstört, fällt die Bäume, zieht das Wasser ab, so dass die Wasserversorgung eine andere ist, und in kurzer Zeit ist der Boden, wenn die Scholle erst einmal umgewendet ist, ausgelaugt, und das nächste ist, dass er wegzuwehen beginnt, wie er in jedem alten Land weggeweht ist und wie ich den Anfang davon in Kanada gesehen hatte. Die Erde ermüdet, wenn man sie ausnützt. Ein Land verbraucht sich schnell, wenn der Mensch nicht all seine Rückstände und die seiner Tiere wieder hineinsteckt. Wenn er aufhört, Tiere zu benutzen, und Maschinen benutzt, besiegt ihn die Erde schnell. Die Maschine kann nichts erzeugen, sie kann auch nicht den Boden fruchtbar machen, und sie verbraucht, was er nicht hervorbringen kann. Ein Land war geschaffen, so zu sein, wie wir es vorfanden. Wir sind die Eindringlinge, und wenn wir tot sind, mag es von uns ruiniert worden sein, aber es wird noch da sein, und wir wissen nicht, was die nächsten Veränderungen sind.“ (Ernest Hemingway, Die grünen Hügel Afrikas, i.d.Übers.v. Annemarie Horschitz-Horst, Reinbek 1999)

Es waren Jäger wie Herrmann von Wissmann und Carl Georg Schillings, die als „Erfinder des Naturschutzes in Afrika“ gelten dürfen. „Eine Möglichkeit nur gibt es, das schöne afrikanische Wild auf die Dauer zu erhalten, die nämlich, dass der Jäger sich der Hege und Schonung annimmt“, wird Carl Georg Schillings in „Auf Safari“ zitiert. Schillings setzte sich auch dafür ein, die im Denken seiner Zeit tief verwurzelte Trennung zwischen Nützling und Schädling – letztere, wie z.B. die Hyänen und Wildhunde wurden erbarmungslos bekämpft – „über Bord zu werfen.“ (Vielleicht nicht nur seiner Zeit, wenn wir uns die Behandlung von Reh-, Rot- oder Raubwild durch manche Leute hierzulande und heutzutage vor Augen führen…) Mit der Einrichtung des Mohoro Wildreservats legte Hermann von Wissmann die Grundlage für die Entstehung des Selous Game Reserve, des größten Wildschutzgebiets des Kontinents. Ein Erbe, auf das wir Jäger stolz sein dürfen. Rolf Baldus und Werner Schmitz haben das spannende Thema so umfassend wie unterhaltsam dargestellt. SE

Kosmos Verlag Stuttgart, 34,99 Euro, 352 Seiten, 144 SW-Fotos, 9 SW-Zeichnungen, Efalin-Band mit Schutzumschlag, 247 x 182 mm (LxB), 1. Auflage 2014, ISBN: 978-3-440-14007-9

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.