Anticyon-Kampagne: Wer war das?

Wer oder was das war, wollte eine Nachbarin wissen, als Jäger kennen Sie sich doch aus mit sowas: Vorwurfsvoll zeigt sie auf ein Vogelnest, das neben dem Wacholderbaum in ihrem Garten auf dem Boden lag. „Da haben so zwei zierliche Vögel drin gebrütet, von einer Sorte, die ich hier noch nicht gesehen habe: So grau mit etwas Rosa an der Brust. Jetzt sind sie weg.“ Es ist ziemlich schnell klar, das hier nur ein Täter in Frage kommt. Um an das Vogelnest zu gelangen, hat er einen beeindruckenden Tunnel durch den stacheligen Wacholder gefräst. So kann nur einer klettern: Waschbären. „Meinen Komposthaufen und den Grasschnitt daneben haben sie auch durchwühlt“, klagt die Nachbarin.

So kann nur einer klettern…

Es folgen die üblichen Erklärungen: Dass man da im Moment nicht viel machen kann, erstens wegen der Brut- und Setzzeit, zweitens, weil das hier befriedeter Bezirk ist. Aber zu denken gibt es einem doch. In der unmittelbaren Umgebung brüten noch Kiebitze und Wachteln, es gibt Fischadler, Schwarzstörche, Lerchen, Schwarz-, Grün und Buntspechte und Pirole und viele mehr. Soll das jetzt alles vor die Waschbären gehen? Ich habe in anderen Revieren gesehen, welchen Schaden die anpassungsfähigen Neubürger anrichten können und muss an die Worte von Prof. Pfannenstiel denken: „Mir reicht es jetzt, wir haben keine Ente und keine Küken mehr auf den Kanälen. Diese Biester machen alles kaputt. Ich habe dem Waschbären den Krieg erklärt!“

Der Waschbär hat einen beeindruckenden Tunnel in den Wacholder gefräst, um an das Vogelnest zu gelangen.

Vielleicht sollten, nein müssten, wir uns der Pfannenstielschen Anticyon-Kampagne (abgeleitet von procyon lotor, dem lateinischen Namen des Waschbären) anschließen. Beim nächsten Jäger-Stammtisch, nehme ich mir vor, werde ich das Thema „Intensivierung der Fallenjagd“ ansprechen. Wobei Intensivierung in unserem Fall eher Aufnahme heißen müsste.

Nur eine Stunde nach dem Gespräch mit der Nachbarin, klopft der elfjährige Sohn eines anderen Nachbarn an die Tür: Ob wir eine Runde Fahrrad fahren wollen? Überredet, genau das Richtige nach einem Sommertag am Schreibtisch. Wir fahren über die Wiese hinterm Dorf – die, wohlgemerkt, schon zum Jagdrevier gehört – am Waldrand lang. Was ist das? Etwas grau getigertes, nein, gestreiftes huscht durchs Gras: Ein Jungbär. Fauchend schiebt er sich unter einem Wurzelballen ein. „Warte mal hier“, sage ich, „bin gleich wieder da.“

Musste nicht lange leiden: Füsilierter Jungbär. Fotos: SE

„Radtour ist abgeblasen, wie gehen jagen, stimmt’s“, frohlockt der Nachbarsjunge. „Stimmt“, sage ich. „Cool“, findet er. Ein paar Minuten später bin ich mit Flinte, Hund und Geländewagen wieder da. Waschbär ist weg. Hund findet ihn nach kurzer Verfolgung. Waschbär wird standrechtlich erschossen. „Kann ich den dann haben?“, hatte der Nachbarsjunge zuvor noch gefragt. Mit dem riesigen Loch, dass die aus kurzer Distanz abgefeuerte Flinte in den Balg gezaubert hat, will er ihn aber auch nicht mehr. „Och Mann“, greint Nachbarsjunge, „warum ist mein Vater kein Jäger?“ Offenbar hat das jagdliche Erlebnis nur eine sehr milde Form der Traumatisierung bewirkt. Und ich werde definitiv das Thema Fallenjagd bei nächster Gelegenheit zur Sprache bringen. Denn wo ein Jungbär ist, sind wahrscheinlich noch sieben oder acht weitere, ein gelegentlicher Zufallstreffer beim Ansitz – oder einer Radtour – bringt für den Artenschutz eher wenig. Immerhin haben wir Rache für den Nestraub genommen. SE

Ein Gedanke zu „Anticyon-Kampagne: Wer war das?

  1. Georg Baumann

    WMH! Seit Anfang April jage ich in Berlin und muss mich noch an die von BB abweichenden Jagdzeiten gewöhnen. Dass die Waschbären nur von Oktober bis Ende Januar gejagt werden dürfen, halte ich für den allergrößten Unfug. Fast auf jedem Ansitz sehe welche. Anhand der Größe lassen sich Alt- und Jungbären jetzt noch hervorragend unterscheiden und ließen sich bestens und weidgerecht erlegen. Klar weiß ich, dass wir mit der Schusswaffe den Bestand nicht erheblich reduzieren werden. Aber vom Nicht-Erlegen werden’s definitiv nicht weniger … Wünsche Euch viel Erfolg beim Waschbär-Reduzieren!

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